EIN NACHMITTAG MIT GEIST - UND ETWAS WEIN

EIN NACHMITTAG MIT GEIST - UND ETWAS WEIN

Wer hätte gedacht, dass eine Weinrede in einer Kirche so viel Freude machen kann? Es war ein wunderbarer Nachmittag – feierlich, fröhlich, ein bisschen feierlich-fröhlich – mit vielen lieben Menschen, einem wunderbaren Chor, guten Gesprächen und natürlich einem fröhlichen Glas Sekt.  Ganz herzlichen Dank an alle, die gekommen sind, mitgewírkt und mitgefeiert haben. Und ein großes Dankeschön für die Spendenbereitschaft! Der Erlös geht an den Disteltreff in Herten – ein guter Ort für Kinder und Jugendliche, ehrenamtlich getragen und voller Engagement. Einige Gäste fragten: „Kann man die Rede irgendwo nachlesen?“ – Ja, kann man. Genau hier. Voilà – bitteschön:


100 Jahre Molitor

Vom Messwein und Markenwein Glaube, Genuss, Geschichte“ Ansprache in der Probsteikirche St. Peter in Recklinghausen am 10.5.2025

Liebe Gemeinde, liebe Gäste,

Was, so mag sich mancher fragen, führt uns heute in die Kirche? Ein 100-jähriges Jubiläum einer Weinhandlung feiert man doch eher im Kellergewölbe und nicht unter gotischem Strebewerk? Nun, einige Gründe wurden schon genannt: Unsere Weinhandlung steht auf kirchlichem Grund – auf dem einstigen Gelände von St. Peter. Im Namen meiner Familie bin ich dafür zutiefst dankbar. Ganz praktisch bin ich aber in diesem Moment froh und dankbar, dass wir heute hier feiern dürfen. Dafür danke ich der freundlichen Unterstützung von Pater Dr. Martin Kleer, der uns hier durch die Feststunde führt, Herrn Propst Karl Hermann Kemper und Pfarrsekretär Thomas Maymann, die das überhaupt ermöglicht haben.

Mein Dank gilt ebenso der Musik, dem A-cappella-Chor „Vocalicious“ mit Reinhard Buskies, allen Mitwirkenden, die diese Stunde mit vorbereitet haben, den Wegbegleitern und den Kundinnen und Kunden unserer Weinhandlung sowie allen Interessierten, die heute hier sind. Besonders möchte ich auf eine wichtige Person hinweisen, die heute hier ist: meine Mutter Dorothee Molitor. Sie hat über 60 Jahre das Geschäft mit stiller Hand und großem Herzen geprägt – und manchmal auch gerettet.

Der Wein hat unserer Familie Einkommen, Freude und Trost gespendet, herzliche Geselligkeit, viel Genuss und zauberhafte Momente. Damit sind wir nicht allein, denn Weingüter und Weinhandlungen gab es ja schon „immer“.

Was macht denn den Zauber dieses wunderbaren Handelsguts Wein aus? Ich begab mich – mit einem Glas Riesling (vielleicht waren es auch zwei) – auf die Suche.

Der Zauber liegt in der Verbindung zwischen Wein und dem Geistlichen.

Das liegt auf der Hand. Im Alten wie im Neuen Testament wird der Wein rund 400 Mal thematisiert.

Wein und das Göttliche

Doch die Verbindung zwischen dem Wein und dem Göttlichen ist noch älter. Die Wiege des Weins liegt im heutigen Georgien und umliegenden Ländern. Bei den Sumerern, Babyloniern und Ägyptern galt er als göttliches Getränk. Wie präzise auch damals ein Qualitätswein gekennzeichnet wurde, beweisen 36 Amphoren mit beschriftetem Jahrgangswein im Grab des Tutanchamun.

Die Griechen formten daraus einen eigenen Gott: Dionysos, den Gott des Weins, der Fruchtbarkeit – und der Ekstase. Sein Kult war ambivalent: Der Wein brachte Freude und Rausch, aber auch Entgrenzung und Wahnsinn. Dionysos stirbt – und wird von seinem Vater Zeus wieder ins Leben gerufen. Tod und Wiedergeburt, Verwandlung und Auferstehung – diese Motive sind uns vertraut.

Jesus greift dieses Symbol auf – und gibt ihm eine neue Bedeutung. Beim letzten Abendmahl reicht er seinen Jüngern den Kelch: „Dies ist mein Blut, das für euch vergossen wird.“ Der Wein steht nun nicht mehr für Rausch, sondern für Hingabe, Erlösung, Gemeinschaft. Aus dem Getränk wird ein Sakrament. Aus der Ausgelassenheit ein Bund.

Wein auf dem Bankett – Diplomatie mit Tiefe

Diese Göttlichkeit leihen sich gerne die weltlichen Gastgeber bei Banketten und in der Diplomatie. Konrad Adenauer zum Beispiel war ein ausgewiesener Weinkenner. 1955 verhandelte er in Moskau mit einer Bernkasteler Doctor Riesling Spätlese die Rückkehr deutscher Kriegsgefangener. Mit dem gleichen Wein schaffte er es, das Eis zu brechen, als er seinen Antrittsbesuch bei Eisenhower in Washington absolvierte.

Was macht einen Wein zu einem besonderen Botschafter?

Ein starker Wein erzählt Geschichten über seine Herkunft, seine Reifung, über Klima, Böden, Hände, die ihn kelterten. Wer ihn trinkt, nimmt teil an dieser kulturellen Erzählung. Gleichzeitig schafft Wein ein Wohlgefühl von Zugehörigkeit, das sich tief im Gedächtnis verankern kann. Aber einen großen Moment kann Wein nur dann schaffen, wenn er auch großartig ist. Wer beherrscht denn die Kunst, großen Wein herzustellen?

Klösterlicher Wein und der Schutz der Qualität

Im Mittelalter entwickelten vor allem die Klöster dieses nötige Wissen. Die Kirche legte Regeln fest, etwa im Trienter Konzil des 16. Jahrhunderts. Für den Messwein galt: Er muss „aus der Frucht der Rebe stammen, rein, unverfälscht, ohne Honig und Gewürze“.

Warum so streng – ein gewürzter Wein, zum Beispiel ein Glühwein, schmeckt doch auch ganz gut? Weil im Gottesdienst der Wein zum „Blut Christi“ wird – also zum Heiligen selbst. Dafür darf er nicht verfälscht sein.

Aber es gibt auch noch einen praktischen Grund: Um minderwertigen Wein aufzubessern, wurde Wein nicht nur mit Gewürzen, sondern auch mit Harz, Pech – sogar mit Blei (!) gemischt. Die kirchlichen Regeln schützten also nicht nur das Sakrament – sondern auch die Gesundheit.

Diese guten Weine wurden auch zu einem begehrten Handelsgut. Klöster wie Eberbach oder Altenberg waren im Hochmittelalter mächtige Weinhandelszentren, da sie sich geschickt Zollfreiheit ausgehandelt hatten und in späteren Jahrhunderten mit der Hanse kooperierten.

Säkularisierung und Marketing-Mythen

Die Säkularisierung im 19. Jahrhundert war eine tiefe Zäsur für den kirchlichen Weinbau. Viele Weingüter wechselten in private oder staatliche Hände. Wissen ging verloren, aber auch neue Spielräume entstanden. Der Wein wurde vom rituellen Gut zum bürgerlichen Genussmittel.

Doch wo es half, griff der Weinhandel weiter auf religiöse Symbolik zurück – etwa bei Dom Pérignon. Der benediktinische Mönch war ein begnadeter Kellermeister für „stille“ Weine. Im 19. Jahrhundert übernahm das Haus Moët & Chandon das säkularisierte Kloster und schuf die Legende von ihm als „Erfinder des schäumenden Champagners“. Der Satz „Ich trinke Sterne“ ist ein Geniestreich des Marketings. Aus dem asketischen Mönch wurde eine Luxusmarke mit Aura.

Biodynamischer Weinbau – spirituelle Parallelen

Auch der biodynamische Weinbau, begründet von Rudolf Steiner in den 1920er Jahren, trägt spirituelle Züge – wenn auch anderer Art. Zwar bezog sich Steiner nicht auf christliche Heilige, doch zeigen sich interessante Parallelen zum kirchlichen Jahreskreis.

So wird etwa im Frühling der sogenannte Hornmist ausgebracht – ein über den Winter im Boden gereiftes Kuhdung-Präparat, das den Boden beleben soll. Diese Maßnahme fällt mit dem Fest des heiligen Georg im April zusammen, Schutzpatron der Felder und der Bauern. Zwei Weltbilder – eines kosmisch, eines kirchlich – treffen sich im Rhythmus der Natur.

Wilhelm Molitor

In diesen 20 Jahren begann in Recklinghausen mein Großvater Wilhelm Molitor, Weine abzufüllen. Das Weinabfüllen ergab damals Sinn, denn die Winzer hatten keine Geräte zum Pumpen oder Filtern, Glas war teuer, Transport aufwendig. Wein war ein erfreuliches und begehrtes Gut in schweren Zeiten im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch die Weingüter wurden moderner, die Logistik professioneller. Das Geschäft mit der Fassweinabfüllung lohnte sich ab 1970 nicht mehr. Meine Eltern wandelten die Weinkellerei in eine Weinhandlung um. Mein Vater Hans-Joachim wurde zum Botschafter der fröhlichen Weinkunde – auf den Weinmärkten, in den Weinseminaren, in unseren Filialen ganz nah hier an der Kirche St. Peter. Ein Weinfreundesverein, der Vestische Weinkonvent, erwuchs aus diesen Impulsen.

Wie faszinierend Wein bleibt – auch bei kritischem Blick auf den „gesundheitsschädlichen“ Alkohol – beweist unser neuer Weinberg an der Emscher zwischen Suderwich und Castrop-Rauxel. Er adelt den Hang am Kanal, er steht für die Almende, also die Gemeinschaft, die Nachhaltigkeit und nicht zuletzt für die Hoffnung auf einen guten Tropfen, der dort eines Tages gekeltert wird – ganz im Sinne des Psalms 104:

„Der Wein erfreue des Menschen Herz.“

Ein Fest des Glaubens und der Freude

Somit hat also die Kirche ihren fundamentalen Anteil an dieser Sinn-Findung. Dass auf einem einst kirchlichen Grundstück eine Weinhandlung entstand, dürfen wir also getrost als glückliche Fügung deuten.

In diesem Sinne: Stoßen wir an – auf den Wein, auf die Kirche, auf die Gemeinschaft – und auf die nächsten 100 Jahre! Oder, wie Theodor Heuss es sagte:

„Wer Wein säuft, sündigt. Wer ihn mit Andacht trinkt, betet.“ Lasset uns beten!